Bienvenue Stuttgart

Schloss Solitude – unverändert schön

„Stuttgart“, so sagte unlängst ein kunstversierter Architekt aus Wien, zu Besuch bei uns, „ist die Stadt unergiebiger Imaginationen. Unablässig nötigst du mich, mir vorzustellen, wie etwas ausgesehen hat. Beständig soufflierst du mir, was ich sehen sollte. Wo längst nichts mehr ist, beschwörst du Villen, Palais, Alleen, die niemand mehr kennt. Selbst die Stuttgarter nicht.“ Sein ernüchterndes Urteil setzte meinen Versuchen, ihm Stuttgarts verlorene Schönheiten nahezubringen, ein Ende. Heimliche Schönheiten mögen sich entdecken und zeigen lassen, verlorene Schönheiten jedoch sind für immer dahin.

„Stuttgart ist die Stadt unergiebiger Imaginationen.“

Vier Stunden war ich mit meinem Habsburger Gast durch ein historisches Zentrum geeilt, das vergangene Schönheit mit gegenwärtiger Hässlichkeit zitiert. Stuttgarts Architektur gleicht einer gigantischen Ellipse, die sich heute in einer Zäsur des „Nichts“ verliert.

Stuttgart war nie eine große, einnehmende Schönheit, doch das namenlose Elend aus Stahl und Beton, das heute die Straßen der Stadt beherrscht, ist ein Attentat auf jedes sensible Auge und Herz. Was immer in Stuttgart schön ist und überleben möchte, sollte besser in diskreter Garderobe auftreten.

Nur ein unerklärlicher – vielleicht infantiler, vielleicht trotziger – Enthusiasmus für meine Heimat hatte mich dazu verführt, einen kulturell versierten, liebenswürdigen Österreicher an vormals charmante Plätze zu führen: Plätze, die staatlich alimentierte Technokraten in den 1950er bis 2000er Jahren in eine geschmacklose Inversion ihrer selbst verwandelt hatten. Ausgestattet mit einer Carte blanche, hatten Le Corbusiers Epigonen alles getan, seinen Traum einer gesichtlosen Stadt formal standardisierter „Wohnmaschinen“ zu verwirklichen.

Mein Habsburger Freund, so kam ich nicht umhin, mir widerwillig einzugestehen, hatte das große Dilemma erkannt, an dem meine Heimatstadt krankte. Die Puritaner und Technokraten hatten, so schien es, gewonnen. Sie hatten den letzten Relikten einer lebendigen Stadt nach dem Krieg einen neuen Krieg erklärt. Ihr Einfluss, ihr Geld und ihre unerbittliche, eiserne Ignoranz triumphierten auch in der Politik über jedes Gefühl der Ästhetik.

Nach 1945 wurde weiter randaliert, zerstört und in die Luft gesprengt, und das mit großer Begeisterung. Das neogotische Rathaus – ausgelöscht; das von Mendelsohn entworfene Kaufhaus Schocken – für eine monströse Nachkriegsverirrung abgerissen; die Karlsschule – zerstört; die Stiftskirche in ihrem Inneren – hingerichtet. Diese Liste ließe sich zwanglos erweitern.

Das Neue Schloss? Tatsächlich, gerettet. Ein wenig Pietät erlaubte sich selbst das Stuttgarter Bürgertum, das die „autogerechte Stadt“ zu ihrem Nachkriegsfanal erhob, um sich und den Rest der Welt vergessen zu lassen, auf welcher Seite es stand, als die deutsche Hybris zu brüllen begann.

Nach dem moralischen folgte nun der ästhetische Sündenfall, nach der Bankrotterklärung des Anstands folgte nun jene des Geschmacks.

Das Kronprinzenpalais im Herzen der Stadt – seine Fassade war nahezu unversehrt –, wurde nicht etwa geopfert, um eine Zäsur zu Diktatur und Autokratie zu setzen, es wurde geopfert, um ein betonummanteltes, hässliches Loch inmitten der Stadt zu gebären, durch das der stolze Stuttgarter Bürger in stolzer Karosse die Stadt durchqueren konnte: Der Stuttgarter Sündenfall war vollendet, das Auto endgültig zur Ikone und Gottheit der Stadt erhoben.

„Eure Königstraße reiht Monstrosität an Monstrosität. Euer Marktplatz? Tristesse und Wüste. Eure Kirchen und Schlösser – leblos, entseelt.“

„Eure Königstraße reiht Monstrosität an Monstrosität. Euer Marktplatz? Tristesse und Wüste. Eure Kirchen und Schlösser – leblos, entseelt.“ Selbst das sanfte Wiener Tremolo meines Freundes vermochte die Härte seines Urteils kaum zu mildern. Der arme Mann tat sich sichtlich schwer, ein versöhnliches Resümee zu finden. „Kein Caféhaus, nur scheußliche Gastronomie, und ein Bahnhof, dem alle verfallen sind“, fuhr er, leicht enerviert, fast verärgert, fort. „Keiner hat Muße, alle suchen ihr Heil in der Arbeit, und wenn ich die Stuttgarter richtig verstehe, reduziert sich ihr Freiheitsbegriff auf ihr Auto.  Das ist nicht wirklich sympathisch und macht mir Stuttgart suspekt. Eine in Reichtum verarmte Stadt. Was für ein Paradox.“ Mein Freund gab sich Mühe, höflich zu bleiben, doch ich wusste, was er verschwieg, verbarg nur, was ich dachte, und vielleicht sogar Schlimmeres.

„Kein Caféhaus, nur scheußliche Gastronomie
und ein Bahnhof, dem alle verfallen sind.“

Stuttgart, das eine ähnliche Lage wie Rom, doch weit weniger Pracht besitzt (eine freundliche Untertreibung), ist das Opfer seiner Bewohner, die jeder Prachtentfaltung misstrauen. Sie lieben das Geld, den Besitz und den Reichtum, doch sie scheuen die Pracht. Sie lieben, was ihrer Eitelkeit schmeichelt, doch sie hassen die Eleganz. Sie billigen nur, was sie kennen, und sie kennen nur, was ihrem Vorteil dient. Wer sich weigert, Ästhetik und Schönheit über die Hoheitsrechte und Privilegien der Industrie zu stellen, macht sich verdächtiger als ein Künstler, der Gage verlangt, und ein Künstler, der Gage verlangt, ist in Stuttgart eine Kuriosität ohne Rechte.

„Eine in Reichtum verarmte Stadt.
Was für ein Paradox.“

Stuttgart ist eine Bastion des Kapitals und der Moralisten, keine freundliche Enklave der Kultur. James Stirlings grandiose Staatsgalerie gegenüber der Stuttgarter Oper sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch Stuttgart glückliche Zufälle kennt. Kunstverliebte Mäzene sind in Stuttgart weniger Präzedenzfall als vielmehr Provokation. Selbst Richard Wagner wurde in Stuttgart von einem bayerischen, keinem schwäbischen König gerettet. Die Württemberger lassen mit Vorliebe jene darben, welchen sie ihren Ruhm verdanken. Die Württemberger erlauben nur dann die Entfaltung der Kunst, wenn ökonomische Gründe sie dazu zwingen (s. Michael Haas, Becirct, S. 41ff.)

Hätten die Schwaben eine ähnliche Hingabe auf die Kunst, gut zu leben, verwendet, wie auf ihre Leidenschaft, exquisite Architekturen zu ruinieren, sie wären die ungekrönten Könige des Savoir vivre und Stilempfindens. Stattdessen haben sie sich darauf konzentriert, immer mehr hässliche Produktions- und sakrale Kultstätten für ihren Fetisch – das Auto – zu erbauen: im großen Stil, geschmack- und vollkommen sinnlos. Wie anders erklärt es sich, dass in Stuttgart gepfählte Autos den Eingang eines Museums zieren, und niemand sich darüber wundert?

Derweil im Herzen der Stadt der Klassizismus stirbt, entstehen, nur wenige Schritte weiter, die uninspirierten, öden Stereotype der Neomoderne. Es schmerzt bisweilen sehr, hier zu leben …

… an manchen Tagen jedoch, in manchen Stunden und Augen-Blicken, genieße ich meine Stadt, die so viel ertragen musste und dennoch die Agonie (noch) nicht kennt.

Wenn die Sommersonne den ockerfarbenen Sandstein erwärmt, der im Süden und Westen der Stadt den Fassaden der alten Häuser ein schönes und weiches Antlitz verleiht, weiß ich, dass ich mein Stuttgart trotz allem liebe. Mein Stuttgart, das nichts gemein hat mit der Vormachtstellung seiner Automobilproduzenten und Wirtschaftshysteriker. Mein Stuttgart, das sich dem Anspruch verweigert, der Industrie zu gehören, mein Stuttgart, das keinen Anteil nimmt am Götzendienst der Arbeit.

Mein Stuttgart ist nicht dem Erfolg phantasieloser Puritaner unterworfen, mein Stuttgart ist eine cità aperta – eine offene Stadt, frei, schön und immer bereit, das Wagnis der Kunst zu begrüßen.

Wer durch den Stuttgarter Süden im Sommer flaniert, wird erkennen, dass unter dem Volant seiner im Blütenrausch schwelgenden Kastanien noch immer Straßen mäandern, die uns daran erinnern, was es bedeutet, in Licht und Schönheit zu leben.

Stuttgart ist mehr als es scheint, denn Stuttgart ist nicht der Besitz jener heillosen Männer, die glauben, diese Stadt könne nur bestehen, solange die Industrie ihr die Kraft verleihe, zu existieren.

Wenn Stuttgart leuchtet, dann gewiss nicht, weil sich der Stern eines Autogiganten über seinen rebenschweren Hügeln dreht. Dieser Stern wird erlöschen und mancher, der heute glaubt, ohne ihn werde die Stadt ein zweites Detroit, wird erkennen, dass die Stadt nur einen einzigen Mangel kennt – den Mangel an Phantasie …

… doch dieser Mangel ist „heilbar“, dessen bin ich sicher. Die Dichter tun das ihre, um den Mangel zu überwinden, und das seit Jahrhunderten schon.

Phoebus Apollo, Gott der Dichtkunst und des Lichts

Aber die Nacht kommt! laß uns eilen, zu feiern
das Herbstfest
Heut noch! voll ist das Herz, aber das Leben ist
kurz,
Und was uns der himmlische Tag zu sagen
geboten,
Das zu nennen, mein Schmid! reichen wir beide nicht aus.

Friedrich Hölderlin, Stuttgart